Samstag, 13 November 2021 07:26

Die Zukunft gemeinsam gestalten - mit einer Software von und für Physiotherapeuten (Teil II)

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Die Zukunft gemeinsam gestalten - mit einer Software von und für Physiotherapeuten (Teil II) HMM Deutschland GmbH

Seit dem 15. März 2021 haben Physiotherapeuten im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes der HMM Deutschland GmbH und des IFK e. V. die Software Software DigiPro Physio erprobt. Nun ist das Projekt seit dem 30. September 2021 abgeschlossen.

Es liegen einige arbeitsintensive Monate hinter uns – das heißt, falsch: Es liegen nun viele Monate zurück, in denen eine Software den Arbeitsalltag in Bezug auf digitale Arbeitsprozesse bestehend aus Verwaltung, Organisation, Planung und Abrechnung der Physiotherapeuten erleichtern sollte. Im engen Austausch zwischen Physiotherapeuten und Entwicklern wurde die Software DigiPro Physio eingesetzt, ausprobiert, rundgefeilt, bis sie schlussendlich all das abdecken kann, was im Praxisalltag notwendig ist.
Am Ende eines jeden Projektes stellen sich dann viele die Frage: Welche Ergebnisse und Erkenntnisse halten wir fest? Carina und Lars, zwei Teilnehmer aus dem Projekt, haben mir von ihren Eindrücken erzählt.

Welche abschließenden Erfahrungen habt Ihr mit der Software gemacht?
Sowohl Carina als auch Lars haben beide gute Erfahrungen mit der Software gemacht.

Lars: „Dass man das Leben mit neuen Ideen einfacher machen kann, das gefällt mir besonders.“
Sein persönliches Highlight war der Barcode-Scanner für das Muster 13 Formular, wodurch seine Verordnungen ganz schnell und vollständig ohne zusätzliche Geräte und Kosten, eingelesen wurden.

Auch Carina konnte mit der Software gut arbeiten. Sie hat sich entschieden, sie auch nach Ablauf des Projektes weiter zu nutzen.
„Die Funktionalität in der App war für mich der Entscheidungsträger.“, sagt sie und erklärt weiter: „Man weiß schnell, wo man etwas findet. Die Software teilt automatisch mit, wenn etwas falsch ist. Dadurch ist sie übersichtlich und die Mitarbeiter können gut mit ihr arbeiten. Ich finde es gut, dass sie außerdem nicht stehen bleibt und sich weiterentwickelt.“

Insbesondere bei der Abrechnung habe DigiPro Physio ihr viel Arbeitsaufwand erspart, sodass sie von nun an eigentlich komplett alles ohne Abrechnungszentrum selber abrechnen kann. Das ist Carina bei einer Software neben der Anschaffung eines Kartenlesegeräts und einfachen Administrationsvorgängen besonders wichtig.

„Mit dieser Software werden die Heilmittelrichtlinien automatisch korrekt beachtet, sodass keine Fehler entstehen können. Da sich so viele Änderungen ergeben, ist das für mich die beste Unterstützung im Alltag.“, sagt sie.

Auch für Lars sind eben solche Funktionen bei einer Software essenziell. Er findet: „Es gibt einfach zu viele Codes, deswegen ist das Prüfen gewisser Daten wie den ICD-10-Code, um herauszufinden ob es sich um einen langfristigen Heilmittelbedarf, einen besonderen Verordnungsbedarf oder einen normalen Code handelt, im Praxisalltag unumgänglich.

Wie zufrieden sind die Teilnehmer mit dem Projekt?
Lars: „Sehr! Wir sind nun einen Schritt weiter in die Zukunft gegangen. Einerseits konnten wir mitgestalten, andererseits eigene Erfahrungen sammeln.“
In Zukunft wünscht er sich ein einheitliches System, wo alle medizinischen Bereiche gleichermaßen auf Daten zugreifen können; ähnlich wie aktuell (Zahn-) Ärzte, Psychotherapeuten und Apotheker nun bereits mit KIM (Kommunikation im Medizinwesen) arbeiten. „Kurzgesagt: Ich möchte, dass wir in der digitalen Zukunft alle gemeinsam an einem Strang ziehen können, um unserem Patienten zu helfen.“

Carina hat ähnlich Wünsche, obwohl die erste Euphorie mittlerweile etwas gedämpft ist.
„Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland in puncto Digitalisierung irgendwann einen großen Schritt machen werden. Dass alles einfacher wird und die Kommunikation multidisziplinär auf schnellem Wege erfolgen kann, sodass irgendwann der Papierkram vom Tisch ist!“

Obwohl ihre Erfahrungen mit der Software sehr gut waren, ist sie enttäuscht darüber, dass das Projekt nun zum Ende gekommen ist, denn sie wäre gerne auch in der geplanten zweiten Phase dabei gewesen.
„Im Vergleich zu anderen Ländern hängen wir im Digitalisierungsgeschehen sehr weit hinterher. Obwohl wir uns als modern bezeichnen, sind wir doch sehr altmodisch. Ich bin nicht zufrieden, weil es nicht weitergeht. Wir haben ein so tolles Projekt gestartet, das nun scheitern muss, weil die digitalen Voraussetzungen noch nicht geschaffen wurden.“

Warum gab es keine zweite Phase?
Nach der ersten Projektphase sollte das Projekt ursprünglich in eine zweite Phase übergehen, um weitere digitale Bausteine einzubinden, so unter anderem die elektronische Verordnung und die direkte Kommunikation online mit den Krankenkassen.
Die Physiotherapeuten/IFK-Mitglieder sind mit DigiPro Physio auf die nächsten digitalen Schritte vorbereitet worden und wären ab sofort in der Lage, mit den Krankenkassen online abzurechnen. Die Softwarekomponenten zur digitalen direkten Abrechnung und auch die Einbindung der elektronischen Verordnung (eVO) wären sofort einsetzbar.
Um die Prozesse aber tatsächlich von Ende-zu-Ende abbilden zu können, müssen alle Beteiligten, also Ärzte, Kassenärztliche Vereinigungen und Krankenkassen, dazu gewonnen werden, um an den Prozessen teilzunehmen.

Die Umsetzung ist aktuell jedoch schwierig, da alle Beteiligten noch in bestehenden Strukturen, Geschäftsprozessen und Geschäftsmodellen gefangen sind. So bestehen zum Beispiel bei den Krankenkassen laufende Verträge mit etablierten Abrechnungsdienstleistern.
Außerdem haben viele die Befürchtung, dass mit den Veränderungen ein großer Mehraufwand entstehen könnte – diese Sorgen zu nehmen, ist ein längerer Prozess.
Dann liegt der Fokus bei vielen Akteuren – nicht nur wegen Corona – aktuell auf anderen Entwicklungen. Die Anbindung von Physiotherapeuten an die Digitalisierungsprozesse hat für die anderen Akteure zumeist keine hohe Priorität.
Zuletzt hat der Gesetzgeber zwar die Weichen gestellt, um die digitalen Bausteine ab sofort vollumfänglich in der Physiotherapie zu etablieren. Allerdings wurde der zeitliche Plan nicht eingehalten, um die Voraussetzungen zur Anbindung der Physiotherapeuten zu schaffen. So sollten sich die Physiotherapeuten beispielsweise bereits seit dem 1. Juli 2021 freiwillig an die Telematik Infrastruktur (TI) anbinden können, jedoch fehlt de facto noch eine wichtige Voraussetzung: Nämlich der elektronische Heilberufeausweis (eHBA). Das elektronische Heilberuferegister ist zurzeit noch im Aufbau und auch das Antrags- und Genehmigungsverfahren für den eHBA ist noch nicht in Gänze abgestimmt.

 

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Jasmin Clegg

Jasmin Clegg hat ihre Ausbildung als Physiotherapeutin 2009 an der Hogeschool Zuyd in Heerlen (NL) beendet.

Aus beruflichem und privatem Interesse hat sie zwischenzeitlich für zweieinhalb Jahre in Südafrika gelebt. Heute ist sie wieder in Deutschland und arbeitet in einer Physiotherapie-Praxis im Kölner Norden.

Nebenbei ist sie Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius und arbeitet freiberuflich als Journalistin. Seit 2017 schaukelt sie den mobiLEOS Physio-Blog und hat daher immer viel zu tun.

Kontakt: clegg@mobileos.de

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