Dienstag, 29 September 2020 10:42

Digital durch Corona? Teil 2

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Eine Frage, die uns im Unternehmen beschäftigt hat: Verhilft die Corona-Krise der Physiotherapie zur Nutzung von digitalen Angeboten? Spezielle Apps erlebten Anfangs eine hohe Nachfrage, allerdings flachte der Ansturm in Deutschland auch schnell wieder ab.

Nachdem die Krankenkassen zeitweise die Videoversorgung für Patienten abrechenbar gemacht hatten, haben sich die Therapeuten mit digitalen Lösungen zur Behandlung ihrer Patienten auf Abstand zwangsläufig auseinandersetzen müssen. Das musste auch sein, denn die Angst vor Ansteckung führte stellenweise zu Lücken im Terminkalender und damit zu finanziellen Einbußen. 

Da der physiotherapeutische Beruf körpernah ausgeführt wird und Hands-On Techniken zuweilen ein großer Bestandteil der Therapie sein können, sind digitale Angebote zur Behandlung im Praxisalltag eine Herausforderung. Wie wurden diese Angebote angenommen? Haben diese Angebote Bestand in der Zukunft?

Stimmen aus dem Praxisalltag

Christian Plesch, Inhaber der Fortbildungsakademie Plesch:

"Zu Beginn der Corona Pandemie dachten die meisten von uns, dass nun die Zukunft in Onlineangeboten zu finden ist. Aus mehreren Gründen hat sich dies bisher nicht, oder nur zum Teil durchgesetzt.
Zum einen dürfen die Zertifikatskurse wie MT, Lymphdrainage usw. nur teilweise und ausnahmsweise online durchgeführt werden. Grundsätzlich müssen dies laut der Kassenverbände Präsenzkurse sein.

Außerdem stellen nicht nur die älteren Teilnehmer, sondern auch die jüngere Generation gerade fest, dass Präsenzkurse viele Vorteile bieten. Da wäre zum Beispiel der Austausch der Teilnehmer während des Kurses und in den Pausen. Und da wir in einem praktischen Beruf unterwegs sind ist dies vor Ort natürlich auch viel besser zu vermitteln. Korrekturen bei den Techniken lassen sich viel leichter durchführen.
Ich denke, dass sich bestimmte Kurse online etablieren werden und es Mischformen geben wird, da der digitale Unterricht zweifellos große Vorteile mit sich bringt."

In unserem letzten Beitrag haben wir mit Jonas Belting von der App Physitrack gesprochen. Ihm zufolge erlebten die Anbieter dieser App zu Beginn der Krisenzeit eine extrem hohe Nachfrage nach ihrem Produkt. Allerdings flachte der Ansturm auch wieder ab, sobald die Erstattung der Videotherapie durch die Krankenkassen wegfiel.

Ferdinand Bergamo, Referent für Physio-Deutschland (ZVK), Hochschuldozent & Leiter des motionLabs an der Hogeschool Zuyd in Heerlen (NL), erklärt zum Einsatz der Videotherapie:

"Die Videobehandlung ist für viele Therapeuten und Patienten bisher ein Gewöhnungsprozess. Man liegt übrigens falsch in der Annahme, zu glauben, dass überwiegend die jüngeren Therapeuten und Patienten dafür offen sind. Das Publikum ist da eher gemischt. Ob eine Videobehandlung genutzt wird, hängt von Faktoren wie dem Bildungsniveau oder dem bisherigen Nutzen digitaler Möglichkeiten im privaten Bereich ab. Es gibt eine ganze Reihe Kollegen, die diese Form der Therapie kurz- und langfristig ablehnen – meistens sind das Therapeuten, die ihr Augenmerk auf den Manuellen Therapietechniken haben.“

Ferdinand sieht die Nutzung von physiotherapeutischen Apps auch in Zukunft kritisch. Nicht alles ist für jeden geeignet und zielführend.

„Videotherapie, Apps, das gibt es alles schon lange.

Der Markt hat gerade im diagnostischen Bereich der Physiotherapie einiges zu bieten. Man denke nur mal an schlichte Haltungs- und Bewegungsanalysen, die per Smartphone ganz leicht aufgezeichnet werden können.

Apps kosten mittlerweile auch nicht mehr viel, aber werden noch zu selten benutzt. Auch nicht in den Niederlanden.

Irgendwann wird es sogar möglich sein, auf Basis von Untersuchungsergebnissen digitale Behandlungsansätze zu erhalten, mit denen man entweder als Therapeut fortfahren kann oder die per App mit Übungsvorschlägen an den Patienten weitergeleitet werden können.

Viele Studien besagen, dass der Fachkräftemangel ansteigt. Irgendwann sind wir zwangsläufig auf telemedizinische, digitale Anwendungen angewiesen.

Aber dem gegenüber steht die Angst der Therapeuten, dass die eigene Kompetenz wegfällt. Und Therapeuten müssten zusätzlich ganz anders ausgebildet werden – doch so weit sind wir nicht. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. Aber wir müssen dringend damit anfangen! Vor allem an den Schulen.“

Ein Beispiel aus der Praxis

thumbnail MG 4547 Kopie 2Quelle: Better Physio

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Christoph Kaminski ist Physiotherapeut, Praxisinhaber und Gründer der App NOLA & LIO. In seiner Praxis sind diese Apps feste Bestandteile der Therapie. Er erklärt uns, wie sie eingesetzt werden und welche Vorteile sie ihm, seinen Mitarbeitern und seinen Patienten bringen.

Welche Apps nutzen Sie zu welchen Zwecken in Ihrer Praxis?
Bei unseren CE-zertifizierte Apps handelt es sich um NOLA & LIO. Nola umfasst die Möglichkeit einer digitalen Physiotherapie für die häufigsten klinischen Muster in der Orthopädie. Die Inhalte bauen auf jahrelange praktische und forschungsbasierte Inhalte auf, welche wir erfolgreich im und nach dem Behandlungsprozess der Patienten integrieren. LIO fokussiert sich ausschließlich auf den Bereich Fußball. Er fungiert hier wie ein Medical Athletic Coach und bietet spezielle Trainingsprogramme, zum Beispiel bei Verletzungen oder zu Präventionszwecken, an.

Die Apps selber erkennen anhand einer spezifischen Analyse die häufigsten klinischen Muster der orthopädischen Physiotherapie. Insgesamt gibt es davon 28 Stück pro App. Zudem erfolgt eine Interpretation des Schmerzprozesses. Das heißt: Handelt es sich um einen primären, nozizeptiven Schmerzmechanismus oder eher einen zentral-sensibilisierten bzw. peripher-neurogenen?

Durch die Analyse erhält der Patient einen Therapieplan, bestehend aus einem Training sowie Wissenslektionen zur Patientenedukation.
Durch kontinuierliche Re-Analysen und Bewertungen der eigenen Beschwerdesituation erfolgt eine stetige Anpassung des Therapieplans in eine positive oder auch negative Richtung. Dadurch entwickelt sich der Plan kontinuierlich mit dem Patienten mit. Wenn die Beschwerden des Patienten zum Beispiel besser geworden sind, dann geht der Plan über in einen Präventionsplan.

Unsere Apps sind ein fixer Bestandteil unserer täglichen Behandlung.
Wie das dann im normalen Praxis-Alltag bei uns aussieht, kann man hier bildlich sehr gut entnehmen:

https://better-physio.com/digitalisierung-in-der-praxis/

Die Apps dienen nicht nur als Therapieverstärker, sondern bieten unseren Patienten aufbauend auf die Behandlung die Möglichkeit, über die Regelversorgung hinweg weiter betreut zu werden. Wie das aussieht, sieht man hier ganz gut:

https://physiotherapie-kaminski.de/nola-meets-physio

Wie muss man sich die praktische Umsetzung der Apps bei Ihnen in der Praxis vorstellen?
Wir haben in unseren Therapie- und Trainingsräumen Tablets, womit unsere Apps benutzt werden und womit auch unser betreutes Training vor Ort in der Praxis läuft. Zusätzlich haben wir mehrere Flatscreens, um die Trainings mit unseren Apps größer darzustellen und den Motivationsfaktor währenddessen zu erhöhen.
Der Patient kann sich durch sein Handy mit dem Endgerät verbinden und die Therapie oder das Training mit seinem Therapeuten durchgehen.

Würden Sie sagen, dass mehr Patienten diese Form der Behandlung während den Corona-Einschränkungen genutzt haben?
Dadurch, dass die digitale Begleitung auch vor Corona schon ein fixer Teil unserer Behandlung war, kann ich das so nicht direkt sagen. In unserem täglichen Setting zeigt sich, dass ca. 80% unserer Patienten während des Rezepts digital Zuhause mit Nola oder Lio arbeiten. Ca. 50% davon nehmen diese Begleitung auch über das Rezept hinaus weiter war.

Aber natürlich hat uns die digitale Unterstützung beider Apps während der Krise geholfen, unsere Patienten ortsunabhängig zu betreuen. Ein Großteil unserer Patienten hat die Videobehandlung in Anspruch genommen. Unsere Apps haben dann die Übungsbegleitung Zuhause geleistet und unsere Therapeuten haben per Video alles kontrolliert. Das reduzierte den Patienteneinbruch und führte dazu, dass die Patienten nach dem Lockdown schneller den Weg zurück in die Praxis fanden.

Wie kommt die App bei Ihren Patienten und Mitarbeitern an?
Anhand der Zahlen oben kann man glaube ich sagen, dass beide Apps sehr gut ankommen.
Ich denke, jeder Therapeut oder Patient kennt die Phase nach der Regelversorgung: Es gibt kein Folgerezept und der Therapieerfolg kann nicht lange aufrechterhalten werden. Unsere Patienten sind sehr dankbar dafür, dass wir neue Möglichkeiten nutzen, um Ihnen die Chance zu geben,
1. selber zum Behandlungserfolg beizutragen,
2. nach der Regelversorgung den Behandlungserfolg aufrechtzuerhalten, und
3. ohne Rezept weiter betreut zu werden, was nicht mit einem großen Mehraufwand verbunden und einfach in den Alltag integrierbar ist.

Bei den Mitarbeitern ist am Anfang die Umstellung natürlich ein Thema gewesen. Aber das ist normal, wenn man etwas Grundlegendes in seinem Alltag verändern muss. Mittlerweile ist das kein Thema mehr.

Abschluss

Digitale Lösungen zur unterstützenden Behandlung von Patienten scheinen bereits zum Teil von Therapeuten angewandt zu werden − wenn auch nicht unbedingt gefördert durch die Corona-Krise. Dennoch ist der Nutzen von Apps zur virtuellen Behandlungen unter Therapeuten umstritten und es bleibt abzuwarten, ob die Corona-Krise nun die Türen für solche Angebote öffnen wird, oder nicht. 

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Jasmin Clegg

Jasmin Clegg hat ihre Ausbildung als Physiotherapeutin 2009 an der Hogeschool Zuyd in Heerlen (NL) beendet.

Aus beruflichem und privatem Interesse hat sie zwischenzeitlich für zweieinhalb Jahre in Südafrika gelebt. Heute ist sie wieder in Deutschland und arbeitet in einer Physiotherapie-Praxis im Kölner Norden.

Nebenbei doziert sie an der Hochschule Fresenius und arbeitet freiberuflich als Journalistin. Seit 2017 schaukelt sie den mobiLEOS Physio-Blog und hat daher immer viel zu tun.

Kontakt: clegg@mobileos.de

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