Montag, 07 September 2020 08:42

Digital durch Corona?

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Digital durch Corona? CC0 Creative Commons / pixabay / geralt

Eine Frage, die uns im Unternehmen beschäftigt hat: Verhilft die Corona-Krise der Physiotherapie zur Nutzung von digitalen Angeboten?

Es steht fest, dass die aktuelle Krisensituation durch das Corona-Virus den Fortschritt der Digitalisierung unseres Gesundheitswesens weiter vorangetrieben hat.  "Während des Lockdowns haben wir einen erheblichen Anstieg der Nachfrage nach unserem Produkt erlebt.", beschreibt Jonas Belting von Physitrack die Situation auf Nachfrage.

Viele digitale Angebote machen sicherlich Sinn, und ermöglichen es uns, in der Krisenzeit Abstand zueinander zu halten. Andererseits haben es kontaktnahe Berufe, wie die Physiotherapie schwer sich allein durch digitale Angebote voll und ganz auf das erwünschte "Social Distancing" einzustellen, ohne dabei den wirklichen Kontakt zum Patienten zu verlieren. Welche Bemühungen machen also nachhaltig Sinn und wie werden sie von der Branche aufgenommen?

 

Was bisher geschah

Bereits vor der Pandemie hat die Bundesregierung mit dem Inkraftreten des Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) die Weichen für ein digitales Versorgungsangebot im Alltag gestellt.

DVG Folie

Der im April 2020 darauf folgende Kabinettsentwurf zum "Patientendaten-Schutz-Gesetz" füllte das Gesetz dann wirklich mit Inhalt.

„Wir erleben gerade, wie digitale Angebote helfen, Patienten besser zu versorgen. Mit dem Patientendaten-Schutz-Gesetz wollen wir dafür sorgen, dass solche Angebote schnell im Patienten-Alltag ankommen: Das E-Rezept wird nutzbar, Facharztüberweisungen gibt es künftig auch digital. Und jeder Versicherte bekommt die Möglichkeit, seine Daten in der elektronischen Patientenakte sicher zu speichern.“, erklärt Gesundheitsminister Jens Spahn. 

Infolgedessen wurden die Rahmenbedingungen zur Einführung der elektronischen Patientenakte (ePa) festgelegt: Digitale Angebote wie das E-Rezept und die elektronische Patientenakte werden zukünftig nutzbar, gleichzeitig werden sensible Gesundheitsdaten geschützt. Die Krankenkassen müssen ihren Versicherten ab 2021 eine elektronische Gesundheitsakte anbieten. Ab 2022 sollen Patienten einen Anspruch darauf bekommen, dass Ärzte ihre Patientendaten dort eintragen.

 

Die Videosprechstunde

Bezugnehmend auf die Physiotherapie muss in mehreren Bereichen digital nachgerüstet werden. Auf der einen Seite stehen Organisations- und Verwaltungsprozesse, die zum Teil noch auf die alte Manier mit Papier und Stift bewältigt werden, andererseits geht es um die eigentliche Behandlung des Patienten. 

Zu Anfang der Corona-Krise räumten die Krankenkassen den Physiotherapeuten die Möglichkeit ein, ihre Patienten unter bestimmten Voraussetzungen per Videobehandlung zu therapieren, um unnötigen Kontakt zu vermeiden . Die entstehenden Kosten wurden von der Kasse übernommen.

Um die eigene Existenz zu sichern und/oder Patienten auch weiterhin versorgen zu können, wurde seitens der Therapeuten relativ schnell gehandelt: In den sozialen Medien gab es diversen Austausch zu Möglichkeiten und Begrenzungen der Videotherapie.

 Videotherapie Zusammenfassung FB

Bedauerlicherweise entfiel diese neue Behandlungsform mit der sukzessiven Lockerung der Empfehlungen durch die Kostenträger auf die bisher üblichen Verfahrensweisen zum 30. Juni 2020.

Was bleibt, ist die Frage, ob diese relativ kurze Zeit der Nutzung digitaler Behandlungsmöglichkeiten überhaupt eine Chance eröffnet hat, zukünftig einen Platz in der physiotherapeutischen Behandlung zu bekommen? Darüber wurde in den Netzwerken diskutiert.

Wir fassen die genannten Vor- und Nachteile für Euch zusammen:

Vorteile Nachteile Videotherapie

 

Studien zeigen, dass die Telemedizin durchaus ihre Berechtigung in der Physiotherapie findet

Die britische Firma Ascenti hat in einem Bericht im Juni 2020 eigene Ergebnisse zur Wirksamkeit der virtuellen Physiotherapie dargestellt.

In einem Zeitraum von 12 Monaten wurden insgesamt 27.096 Patienten bis zum 10. Juni 2020 zur Wirksamkeit der Teletherapie befragt. Davon nahmen 9.506 Patienten eine rein virtuelle Physiotherapie über eine App in Anspruch und 17.590 Patienten einen Mix aus einer virtueller und einer "face-to-face" Therapie. Zusätzlich gab es eine Kontrollgruppe, bestehend aus 6226 Patienten, die konventionell direkt von einem Physiotherapeuten behandelt wurden.


Die Studie vergleich diese drei Behandlungsoptionen miteinander:
1. Virtuelle Therapie durch eine Physio App
2. Face-to-face Therapie in einer Klinik mit persönlichem Kontakt, aber ohne die zusätzliche Nutzung einer App
3. Eine Kombination aus beiden Therapieoptionen

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Patienten insgesamt offen für die virtuelle Therapie zeigen, wenn es ihnen empfohlen wird.

81 Prozent der Patienten nutzten das virtuelle Angebot, als die Einrichtungen durch Covid-19 geschlossen waren.

Alle Patienten haben eine Reduktion ihrer Schmerzen erfahren, egal für welche Behandlung sie sich entschieden haben. Gemessen wurde mithilfe der NRS-Skala. Die größte Verbesserung hatten allerdings die Patienten, die die Kombination beider Therapieoptionen nutzten.

92 Prozent der Patienten waren zufrieden mit dem Ergebnis der virtuellen Therapie und 77 Prozent würden die Art der Behandlung ihren Freunden oder der Familie empfehlen.

 

Physitrack als beliebtes Instrument zur Ergänzung der Behandlung

Zu Beginn der Krisenzeit suchte man nach geeigneten Tools, um die Videotherapie datenschutzkonform und praktikable an den Patienten zu bringen. In den Diskussionsforen war sehr häufig die Sprache von der App Physitrack.

Die Anbieter dieser App bestätigten uns eine hohe Nachfrage nach diesem Produkt.

„Während des Lockdowns haben wir sowohl in Deutschland als auch weltweit einen erheblichen Anstieg der Nachfrage nach unserem Produkt erlebt. Das führte dazu, dass Physitrack in nur 6 Wochen um 180 Prozent, verglichen mit dem Wachstum eines gesamten Jahres, wuchs.
Leider flachte der Ansturm in Deutschland relativ schnell wieder ab, sodass wir uns jetzt wieder auf dem Vor-Covid-Level bewegen. Dazu hat sicherlich auch beigetragen, dass die kurzfristige Entscheidung der Krankenkassen, Videokonsultationen in der Physiotherapie zu erstatten, Anfang Juli wieder zurückgenommen wurde.“, sagte Jonas Belting gegenüber der Redaktion in einem Kurzinterview.

Auf die abschließende Frage, wie es in anderen Ländern aussähe, antwortete er: „Wie bereits erwähnt, haben wir weltweit einen ähnlich großen Anstieg auf die Nachfrage erlebt – egal ob in den USA, Australien, Großbritannien oder den Niederlanden. In diesen Ländern war die Anzahl der Physitrack-Nutzer allerdings auch vor der Krise schon bedeutend höher als in Deutschland. In den Niederlanden besitzen zum Beispiel über die Hälfte aller Physiotherapeuten einen Account bei Physitrack.“

 

Abschluss

Es gibt nach wie vor keine Impfung und viele Leute vermeiden weiterhin den Kontakt zu anderen Menschen. Diese Zeit ist eine gute Möglichkeit, neue Technologien auszuprobieren und Menschen dafür zu sensibilisieren; auch in der Physiotherapie.

In der kurzen Zeit, in der die Videotherapie durch die Empfehlung der Krankenkassen zum Einsatz kam, haben einige Therapeuten den Nutzen dessen für sich erkannt und möglicherweise stellen auch andere in Zukunft fest, dass diese Art der Behandlung für beide Seiten, nämlich Patient und Therapeut, attraktiv ist. Gerne würden wir dazu auch Deine Meinung hören. Du kannst sie uns ganz simple via Kommentarfunktion im Anschluss mailen.

Anlehnend an unser Gespräch mit Jonas Beting werfen wir in einem nächsten Beitrag einen kurzen Blick ins "digitale" Ausland. Außerdem stellen wir Euch die App NOLA & LIO vor, die bereits vor der Krise den physiotherapeutischen Alltag begleitet hat und teilen weitere Erfahrungen mit digitalen Tools von anderen Akteuren aus der Branche mit. Bleib dabei! 

 

 

Weitere Informationen

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Jasmin Clegg

Jasmin Clegg hat ihre Ausbildung als Physiotherapeutin 2009 an der Hogeschool Zuyd in Heerlen (NL) beendet.

Aus beruflichem und privatem Interesse hat sie zwischenzeitlich für zweieinhalb Jahre in Südafrika gelebt. Heute ist sie wieder in Deutschland und arbeitet in einer Physiotherapie-Praxis im Kölner Norden.

Nebenbei doziert sie an der Hochschule Fresenius und arbeitet freiberuflich als Journalistin. Seit 2017 schaukelt sie den mobiLEOS Physio-Blog und hat daher immer viel zu tun.

Kontakt: clegg@mobileos.de

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