Donnerstag, 26 März 2020 10:10

"Ein Appell an alle Therapeuten: Nutzt die Möglichkeit der Videokonsultation"

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"Ein Appell an alle Therapeuten: Nutzt die Möglichkeit der Videokonsultation" Alexaner Bender

Der Physiotherapeut und Praxisinhaber Alexander Bender macht es schon länger: Die Behandlung per Video. Hier erklärt er die wichtigsten Eckpunkte und schildert seine Erfahrungen damit.  

Hallo Herr Bender. Sie nutzen telemedizinische Angebote bereits seit längerem in der Praxis. Auf Ihrer Website bieten Sie eine "Online-Sprechstunde" und die "Online-Videokonsultation" an. Was ist das und für wen ist eine solche Sprechstunde, gerade in der heutigen Corona-Krise, sinnvoll?
Seit dem 18. März 2020 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen Fernbehandlungen, wenn es sich um eine Verordnung für Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage als Einzelbehandlung (X0501) bzw. Atemgymnastik (X0302, X0303, X0701, X0702) handelt. Diese Möglichkeit besteht vorläufig bis zum 30. April 2020.

Es ist zwar davon auszugehen, dass private Krankenkassen und Beihilfestellen sich an den Empfehlungen des GKV-Spitzenverbandes orientieren, jedoch ist es ratsam, dass sich Privatversicherte bei den Kassen rückversichern.

In meiner Praxis unterscheide ich zwischen zwei verschiedenen Formen der Online-Behandlung. Die Online-Sprechstunde sowie die Online-Videokonsultation.

Die Online-Sprechstunde ist in der Regel einmalig. In dieser wird besprochen, ob eine Fernbehandlung sinnvoll bzw. möglich ist. Ist dies der Fall, bitte ich den Patienten, sich eine Verordnung für Krankengymnastik ausstellen zu lassen. Diese führen wir hinterher, in der Online-Videokonsultation, durch.

In der Online-Videokonsultation behandle ich also seit der neusten Entwicklung optional Patienten auf Privat-Verordnung mit Krankengymnastik. Meist sind es Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen, Sehnenbeschwerden (z.B. Achillessehnenprobleme, Epicondylitis etc.) und Kiefergelenksschmerzen. Sicherlich ist dies nicht mit jedem Patienten möglich, jedoch sind viele überrascht, wie gut das Erklären und Ausarbeiten von neuen Übungen online möglich ist.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um an einer Videokonsultation teilzunehmen?
Die Voraussetzungen für die Durchführung einer Videobehandlung sind bisher unkompliziert und einfach umzusetzen. Der GKV-Spitzenverband fordert lediglich

  • eine Einwilligung des Versicherten,
  • die Durchführung in Räumen, die ausreichend Privatsphäre bieten,
  • eine Verordnung für Krankengymnastik bzw. Atemtherapie (siehe oben),
  • eine angemessene Technik, die eine gegenseitige Kommunikation gewährleistet.

Der Therapeut darf entscheiden, ob eine Videobehandlung möglich bzw. sinnvoll ist.

Die technischen Voraussetzungen sind simpel. Der Therapeut benötigt idealerweise ein Notebook mit Kamera bzw. ein Tablet mit Frontkamera. Patienten nutzen ebenfalls ihr Notebook, Tablet oder Smartphone.

Welches Tool bieten Sie zur Videobehandlung an? 
Ich arbeite mit dem Anbieter Physitrack und der dazugehörigen Patietenapp PhysiApp. Aktuell ist die App kostenlos testbar. Die Kosten nach der Testphasen sind überschaubar und absolut gerechtfertigt. Für den Patienten ist die App kostenlos im AppStore bzw. GooglePlay Store erhältlich. Die benötigte Einwilligungserklärung kann in der App hinterlegt werden.

Für meine Privatpraxis ist Physitrack ein absoluter Gamechanger. Ich arbeite seit Januar fast ausnahmslos mit jedem Patienten mit dieser App. Es werden Übungspläne hochgeladen und sobald der Patient diese durchführt, markiert er das in der App. Darüber hinaus wird er täglich nach seinem Befinden befragt und optional kann ich wissenschaftliche Fragebögen mit regelmäßigen Intervallen hinterlegen. Alle diese Daten sehe ich als Therapeut zu Hause an meinem Rechner und kann bei Unklarheiten über einen App-internen Chat mit dem Patienten kommunizieren. Bis zur Corona-Krise habe ich die App-eigene Videofunktion hauptsächlich bei Geschäftsreisen meiner Patienten genutzt. Jetzt biete ich es allen Patienten an, die aufgrund Krankheit, Quarantäne oder Sorgen nicht in die Praxis kommen können bzw. wollen.

Neben Physitrack gibt es eine Reihe weiterer Anbieter. Achten Sie unbedingt darauf, dass der Anbieter DSGVO-zertifiziert ist. Skype, WhatsApp Video, Facebook Messenger und andere erfüllen diese Voraussetzungen nicht.

Was passiert, wenn Patienten dann „nicht erreichbar“ sind?
Einen solchen Fall gab es bei mir bisher noch nicht. Sollte ich mal einen Patienten nicht erreichen können, müsste dieser selbstverständlich mit einer Ausfallrechnung rechnen.

Fallen zusätzliche Kosten für den Patienten an? 
Die oben erwähnte Online-Sprechstunde rechne ich als sektoraler Heilpraktiker für Physiotherapie mit der GebüH Ziffer 5 „Beratung, auch mittels Fernsprecher“ mit dem Maximalsatz von 20,50€ ab.

Die Videokonsultation berechne ich, wie die private Krankengymnastik auch, mit dem 1,8x Regelsatz (aktuell 38,00€). Ob und in welcher Höhe diese Kosten von den Kassen und Beihilfestellen erstattet werden, liegt nicht in meiner Hand. Patienten sind immer angehalten, sich im Zweifelsfall bei ihrer Kasse zu informieren. Eine Honorarvereinbarung ist hierfür sinnvoll.

Wie dokumentiert der Patient seine Teilnahme auf der Verordnung?
Privatversicherte haben ihre Teilnahme nicht zusätzlich zu dokumentieren.

Anders bei GKV-Patienten. Hier empfiehlt Physio Deutschland, dass die Videobehandlung mit „V“ oder „Video“ zu kennzeichnen und vom Therapeuten zu bestätigen ist. Der Patient schickt zur Bestätigung der Behandlung, dem Behandler eine E-Mail mit:

„Hiermit bestätige ich <Name>, den Erhalt einer Videobehandlung am <Datum> durch die Praxis <Praxisname/Therapeut>“.
Diese E-Mail muss der Abrechnung nicht beigelegt werden, jedoch als Nachweis archiviert werden. [Quelle: Physio Deutschland; Empfehlungen zur Durchführung von Videobehandlungen (Stand: 24. März 2020, 09 Uhr)]

Ist die Möglichkeit der Online-Videokonsultation Ihrer Meinung nach etwas, das man nach der Corona-Krise fortführen sollte oder ist die herkömmliche Krankengymnastik unersetzbar?
Es wäre wünschenswert, dass es auch nach der Corona-Krise bestehen bleibt. Für den Therapeuten vergrößert sich hierdurch die Zielgruppe, für den Patienten die Auswahl an Therapeuten, was insbesondere in ländlichen Regionen einen unschätzbaren Vorteil haben könnte. Der Patient profitiert auch deswegen, weil ihm dadurch spezialisiertere Therapeuten zur Verfügung stehen. So ist es denkbar, dass ein Kind mit Skoliose aus Magdeburg, einen spezialisierten Physiotherapeuten aus München aufsuchen kann. Physiotherapeuten haben dadurch die Möglichkeit, ihren Wirkradius deutlich zu vergrößern. Des einen Segen, ist aber auch natürlich des anderen Fluch.

Therapeuten werden gerade regelrecht gezwungen, Online-Behandlungen anzubieten. Da es noch unklar ist, wie lange die Corona-Krise andauern wird, müssen wir davon ausgehen, dass die Möglichkeit der Videobehandlung noch länger bestehen bleibt. Vermutlich wird das auch notwendig werden, da viele Patienten aus Sorge einer möglichen Infektion ihre Termine in der Praxis absagen.
Jedoch sollten Therapeuten die Videosprechstunde nicht als Notlösung, sondern viel mehr als Chance sehen, die sie jetzt nutzen und umsetzen. Tun sie das nicht, besteht das Restrisiko, dass Sie Ihre Patienten an die benachbarte Konkurrenz verlieren.

Es ist möglich, dass wir aktuell an dem Punkt stehen, an dem die Handy-Industrie 2008-2009 stand. Die ehemaligen Marktführer Nokia und BlackBerry glaubten nicht an die fortschreitende Digitalisierung und die aufkommende Smartphone-Technologie und wie diese fundamentale Fehleinschätzung endete, wissen wir alle. Nokia und BlackBerry erkannten zu spät die neuen Möglichkeiten und versanken in der Bedeutungslosigkeit. Ob wir gerade an so einem Punkt stehen, kann natürlich erst rückblickend erkannt werden, jedoch wird die zunehmende Digitalisierung vor der Physiotherapie keinen Halt machen. Wenn nicht jetzt, dann in naher Zukunft.

Daher meinen Appell an alle Therapeuten: Nutzt die neuen Möglichkeiten von Videokonsultationen und therapiebegleitenden Apps. Seid Apple und nicht Nokia. Traut euch den Schritt in die Digitalisierung, denn die Hürden hierfür sind niedriger denn je.

 

 

Alexander Bender ist selbständiger Physiotherapeut und sektoraler Heilpraktiker für Physiotherapie in Leingarten bei Heilbronn. Als einer der ersten Anbieter von Videosprechstunden und app-begleitender Physiotherapie, arbeitet er überwiegend mit orthopädischen Patienten. Sein Ziel hierbei ist eine optimale Betreuung und sinnvolle Therapiegestaltung. Weg von „zwei mal die Woche Krankengymnastik“ und hin zu einer zeitgemäßen, digitalen und evidenz-basierten Physiotherapie in der der individuelle Patient im Vordergrund steht. Weitere Informationen zu seiner Praxis, dem Praxiskonzept und Onlineangebot finden Sie unter www.bender-leingarten.de.

 

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Jasmin Clegg

Jasmin Clegg hat ihre Ausbildung als Physiotherapeutin 2009 an der Hogeschool Zuyd in Heerlen (NL) beendet.

Aus beruflichem und privatem Interesse hat sie zwischenzeitlich für zweieinhalb Jahre in Südafrika gelebt. Heute ist sie wieder in Deutschland und arbeitet in einer Physiotherapie-Praxis im Kölner Norden.

Nebenbei doziert sie an der Hochschule Fresenius und arbeitet freiberuflich als Journalistin. Seit 2017 schaukelt sie den mobiLEOS Physio-Blog und hat daher immer viel zu tun.

Kontakt: clegg@mobileos.de

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