Freitag, 18 November 2016 09:10

Erfolgreich selbstständig! - Teil 5

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Erfolgreich selbstständig! - Teil 5 ESB Professional / shutterstock

Tagtäglich berät der Diplom-Betriebswirt Gerd Pidt Physiotherapeuten rund um das Thema „Selbstständigkeit“. Einige Eindrücke aus seinem Alltag hat er humorvoll in seinem Beratungstagebuch festgehalten. 

Übernehmen statt Gründen? Mit dieser zentralen Frage beschäftigt sich der Experte aktuell. 

 

Teil 5: Übernehmen oder Gründen

Als Jutta und Peter mich zum fünften Termin begrüßen, kann ich ihnen sofort ansehen, dass sie etwas auf dem Herzen haben. Jutta rückt auch direkt mit der Sprache raus und fragt mich, ob ich mich auch mit Praxisübernahmen auskenne. Ich bejahe und bitte sie um eine nähere Erklärung. Gemeinsam erzählen mir beide, dass ihnen eine bestehende Praxis zur Übernahme angeboten wurde; nämlich die Praxis, in der Peter aktuell arbeitet.

Bevor ich darauf antworte, frage ich beide, ob sie nach unserem letzten Termin Zeit gefunden hätten, die gestellte Hausaufgabe zu machen und sich vorzustellen, Geld an einen Gründer zu verleihen. Ein wenig verlegen verneinen sie, versprechen aber, es nachzuholen.

"Da man auch für die Übernahme einer Praxis in der Regel Geld benötigt, ist das Verständnis für die Grundgedanken des Geldleihens eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Bankgespräch"

Ich habe das Gefühl, dass beide diese Notwendigkeit verstanden haben und frage Jutta, wie sie zu einer möglichen Übernahme der Praxis steht.
Sie überlegt einen Moment und erklärt mir, dass sie positiv darüber denkt, eine eingeführte Praxis zu übernehmen, weil dies weniger Gründungsrisiko bedeutet. Schließlich ist ja bereits ein Patientenstamm vorhanden und ein funktionierendes Team gibt es auch. Aber sie hat Bedenken, dass sie sich mit der jetzigen Praxisinhaberin nicht einigen können und ein Streit, insbesondere in Bezug auf den Kaufpreis, sich vielleicht auf Peters Arbeitsklima auswirken könnte.

Ich stimme ihr im Grundsatz zu.

"Die Kaufpreiserwartung beim Käufer ist in die Zukunft gerichtet und die des Verkäufers in die Vergangenheit"

Ich ernte fragende Blicke und erläutere weiter, dass der Käufer seine Zukunft beurteilt und einen möglichst geringen Preis zahlen möchte. Er muss sich dann schließlich weniger Geld leihen und hat ein geringeres Kapitalrisiko. Der Verkäufer sieht sein Lebenswerk und möchte die Mühen der vergangenen Jahre bezahlt bekommen. Er wird einen möglichst hohen Preis erzielen wollen.

Peter fragt mich daraufhin, wer dann den Kaufpreis bestimmt. Ich antworte ihm, dass der Kaufpreis letztlich ein Einigungsprozess ist und von keiner Partei einfach festgeschrieben werden kann.

Zur Näherung und zur neutralen Ermittlung gibt es Bewertungsverfahren, die von branchenerfahrenen Beratern zur Kaufpreisermittlung eingesetzt werden. Davon haben beide schon gehört. Aber letztlich, so führe ich weiter aus, führt eine Kaufpreisberechnung nach einem offiziellen Verfahren auch nur zu einem Richtwert und einer Grundlage für einen Einigungsprozess. Der Preis, so schließe ich ab, liegt irgendwo zwischen den Erwartungen der beiden Parteien.

Jutta möchte wissen, wie ein Ermittlungsverfahren genau funktioniert und wie sie sich in der jetzigen Situation verhalten sollen.

"Eine Physiotherapiepraxis hat in der Regel kein großes Vermögen in Form von Gebäude oder Maschinen. Daher ist der Wert eher in der eingeführten Marke oder dem Kundenstamm zu suchen"

Ein solcher Wert wird über das Ertragswertverfahren ermittelt. Das Verfahren vergleicht, ob sich eine Investition in das Unternehmen eher lohnen würde, als das Geld zur Bank zu bringen. Es vergleicht also die Verzinsung des Geldes durch das Unternehmen (Verzinsung = Gewinn) mit dem Zins, den man bei der Bank erhalten würde.

Ist der Gewinn realistisch höher als der zu erwartende Bankzins, lohnt sich der Kauf des Unternehmens. Als Basis nimmt man den Durchschnittsgewinn der letzten drei bis fünf Jahre, zieht den marktüblichen Unternehmerlohn ab und spekuliert, dass dieser Durchschnittsgewinn minus Unternehmerlohn in den kommenden Jahren erhalten bleibt. Insgesamt ist das Verfahren schon ein wenig komplizierter, ergänze ich, aber zur momentanen Erklärung sollte es reichen.

Jutta hakt ein, wieso der Unternehmerlohn dabei eine Rolle spielt. Das ist ganz einfach, sage ich. Wenn man eine Geldanlage mit einem Unternehmensgewinn vergleicht, müssen für den Betrachter gleiche Voraussetzungen vorliegen.

"Will der mögliche Investor selbst im Unternehmen tätig sein, muss er sich wie einen Angestellten sehen, der mit seiner Arbeit aktiv zum Ergebnis beiträgt"

Für die Arbeit erhält er Geld und das, was anschließend übrig bleibt, kann er mit der reinen Geldanlage vergleichen. Berücksichtigt er das nicht, ist der betrachtete Gewinn zu hoch und damit auch der Kaufpreis.

Ich empfehle den beiden,

  • sich die Jahresabschlüsse der letzten Jahre zu besorgen,
  • sich die Einrichtung anzusehen und zu beurteilen, wie viel davon in nächster Zeit erneuert werden muss,
  • sich zu erkundigen, welche Miet- und anderen Vertragsverpflichtungen die Praxis hat und
  • wie die aktuelle Personalsituation ist.

Insbesondere weise ich sie darauf hin, dass sie das bestehende Personal übernehmen müssen und sie daher die Arbeitsverträge unbedingt kennen beziehungsweise von einem Fachanwalt beurteilen lassen sollten.

Wir verabreden einen weiteren, zusätzlichen Termin, um das Thema "Praxisübernahme" nach Einsicht in die Unterlagen zu vertiefen und um das vermutlich demnächst anstehende Bankgespräch vorab zu besprechen.

 

Es folgen noch ein weiterer Teil aus Gerd Pidt‘s Beratungstagebuch:

Teil 6: Praxisübernahme und Bankgespräch
Teil 7: Checkliste für Gründer/Übernehmer

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Gerd Pidt

Gerd Pidt, Diplom- Betriebswirt und Sportpädagoge, begleitet seit über 20 Jahren Existenzgründer bei ihren ersten Schritten in die Selbständigkeit.

Aufgrund eigener Unternehmen (Fitness und Physiotherapie) ist der Autor seit 2000 nur noch für therapeutische Kunden tätig.

Bei Schupp GmbH & Co. KG ist Gerd Pidt mitverantwortlich für den Bereich MTT.

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