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Freitag, 03 Februar 2017 09:35

Erfolgreich selbstständig! - Teil 6

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Erfolgreich selbstständig! - Teil 6 Monkey Business Images / shutterstock

Tagtäglich berät der Diplom-Betriebswirt Gerd Pidt Physiotherapeuten rund um das Thema „Selbstständigkeit“. Einige Eindrücke aus seinem Alltag hat er humorvoll in seinem Beratungstagebuch festgehalten.

Welche Vor- und Nachteile die Übernahme hat und worauf es beim Bankgespräch ankommt, erfährst Du hier.

 

Teil 6: Praxisübernahme und Bankgespräch

Heute habe ich wieder einen Termin mit dem Gründerpärchen Jutta und Peter. Wir wollen ihre mögliche Praxisübernahme näher besprechen. Zur Vorbereitung stelle ich die Vor- und Nachteile für eine Praxisübernahme zusammen:

Die wichtigsten Vorteile einer Betriebsübernahme sind:

  • Die Praxis ist fertig eingerichtet (Inventar).
  • Sie verfügt über laufende Betriebsstrukturen.
  • Das Mitarbeiterteam ist eingearbeitet und erfahren.
  • Bestehende Lieferantenbeziehungen können übernommen werden.
  • Der vorhandene Kundenstamm bietet eine sichere Einnahme.
  • Die Praxis ist am Markt eingeführt und bekannt.
  • Das finanzielle Risiko der Startphase bei Gründung entfällt.
  • Die bestehenden Bankkontakte des Verkäufers können genutzt werden.

 

Mögliche Nachteile einer Betriebsübernahme sind:

  • Das Unternehmen ist stark auf die Person des Verkäufers ausgerichtet. Wenn er das Unternehmen verlässt, besteht die Gefahr, dass die Praxis weniger gut läuft.
  • Der Kaufpreis könnte mit den nachfolgenden hohen monatlichen Verbindlichkeiten höher sein als die Finanzierung bei Gründung.
  • Der Verkäufer hat sein Inventar nicht auf aktuellem Stand gehalten und es muss viel ersetzt werden.
  • Die Kunden gehen in eine andere Praxis, weil sie die Veränderung als Nachteil empfinden.
  • Die Kunden bleiben beim Verkäufer, wenn dieser selbständig bleibt.
  • Die bestehenden Arbeitsverhältnisse müssen fortgeführt werden; auch mit unzufriedenen Mitarbeitern.
  • Es folgen Haftungsansprüche für Steuern, aus Mitarbeiterverträgen oder Gewährleistungsansprüchen sowie betrieblichen Verbindlichkeiten, die beim Kaufzeitpunkt nicht ersichtlich waren.
  • Es muss eine neue Zulassung beantragt werden, die nach heutigem Recht erfolgt und möglicherweise zu großen und ungeplanten Investitionen in Praxisräume und -ausstattung führt.
  • Der Vermieter besteht auf einen neuen Mietvertrag mit schlechteren Konditionen.

 

Als ich den beiden meine Liste später vorlege, lachen sie und erklären, dass sie schon eine ähnliche Liste erstellt haben. Zusammen mit ihrem Steuerberater sind sie die einzelnen Punkte durchgegangen und haben dabei die Unterlagen der Praxis mit ihren Wünschen und Forderungen vergleichen können.

Ich bin ernsthaft beeindruckt und frage sie nach dem Ergebnis ihrer Recherche. Jutta erklärt, dass sie in den kommenden Tagen einen Termin mit der Verkäuferin haben, um über einen fließenden Übergang zu sprechen. Sie wollen klären, ob die Verkäuferin damit einverstanden wäre, dass Jutta und Peter zunächst in die laufende Praxis als Gesellschafter einsteigen, und die Verkäuferin erst zu einem späteren Zeitpunkt ausscheidet.

Peter ergänzt, dass dieses Vorgehen dazu führen würde, dass die guten Konditionen verschiedener Verträge erhalten blieben, wie z.B. die Mietbedingungen.

Ich weise darauf hin, dass das auch zulassungstechnisch ein Vorteil sein kann, weil auf diese Weise die bestehende Praxiszulassung erhalten bleibt. Beide gucken mich fragend an. 

Die Kassenzulassung bezieht sich auf die Praxisräume und den Inhaber. Verändert sich eines von beiden, muss eine neue Zulassung beantragt werden, verbunden mit allen dazugehörigen Kosten. Erweitert sich nur die Zahl der Inhaber, treten die neuen Inhaber in die bestehende Zulassung mit ein. Das bleibt auch, wenn später der ursprüngliche Inhaber ausscheidet.

 

Ich will nun wissen, ob ihr Steuerberater eine Empfehlung ausgesprochen hat und welchen Wunsch die beiden für den weiteren Termin heute haben. Jutta strahlt und teilt mit, dass sie die Praxis übernehmen wollen und sich mit mir gerne noch über das anstehende Bankgespräch unterhalten möchten.

Also erinnere ich noch einmal an die Aufgabenstellung ihres Banktrainings, das sie zuhause durchführen sollten: Jutta und Peter bekamen die Anweisung, sich vorzustellen, viel Geld zu haben und möglicherweise zwei Gründer zu finanzieren. Was würden sie von ihnen wissen wollen und erwarten? Peter beginnt und sagt, dass die Persönlichkeit der Gründer das Wichtigste für ihn wäre. Denn von ihnen hängt der Erfolg des Vorhabens ab. Jutta findet das auch wichtig, ergänzt aber, dass es sie ebenfalls interessieren würde, ob die Gründer mit Geld umgehen können; also welche Erfahrungen sie haben.

Ich frage beide, warum sie das wissen möchten? Weil sie ihr Geld gerne wiedersehen würden! Beide sprechen nahezu zeitgleich das aus, was tatsächlich das Kernanliegen eines Investors/einer Bank ist.

Jetzt geht es um die Frage, wie sie ihre Anliegen ermitteln würden: Welche Informationen möchten sie von den Gründern gerne haben und welche Nachweise sollen sie mitbringen? Ich deute ihr Zögern als Startschwierigkeit und schlage vor, dass sie mir ihre Anforderungen immer abwechselnd nennen sollen:

  1. Persönlichkeit → Eindruck im persönlichen Gespräch:
    Sicheres Auftreten, aber nicht überheblich, Beschreiben des Vorhabens und der Ziele mit eigenen Worten, Augenkontakt, vernünftige Kleidung, insgesamt authentisch. 

  2. Umgang mit Geld → Erfolgreiche Historie, aktuelle Kontoauszüge, Vermögens-/Schuldenstatus, Bereitschaft, eigenes Geld einzusetzen.

  3. Businessplan → Kaufmännische Planung, am besten abgesichert durch einen Experten/Steuerberater.

  4. Vergleichbare Referenzen, die den Erfolg nachweisen können, z.B. Aufbau erfolgreicher Strukturen in anderen Praxen als leitender Mitarbeiter oder auch in Vereinen/Ehrenamt.

Ich stoppe die Aufzählung als ich merke, dass die beiden langsam in Fahrt kommen und beglückwünsche sie zu ihrer professionellen Einstellung und ihrem Vorgehen. Ich sage ihnen, dass ich keine Bedenken habe und mir ihres Erfolges sehr sicher bin. Sie sind gut informiert, vorbereitet und haben sich in den richtigen Phasen die Unterstützung von Experten gesucht.

Wir beschließen, dass ich ihnen auf dem Postweg noch eine Checkliste zukommen lasse, mit deren Hilfe sie ihre Schritte noch einmal überprüfen können.

Die Verabschiedung ist herzlich und ich freue mich, dass wieder zwei fähige Unternehmer unsere Branche bereichern werden.

 

Es folgt noch ein letzter Teil aus Gerd Pidt‘s Beratungstagebuch:
Teil 7: Checkliste für Gründer/Übernehmer

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Gerd Pidt

Gerd Pidt, Diplom- Betriebswirt und Sportpädagoge, begleitet seit über 20 Jahren Existenzgründer bei ihren ersten Schritten in die Selbständigkeit.

Aufgrund eigener Unternehmen (Fitness und Physiotherapie) ist der Autor seit 2000 nur noch für therapeutische Kunden tätig.

Bei Schupp GmbH & Co. KG ist Gerd Pidt mitverantwortlich für den Bereich MTT.

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