Montag, 08 Februar 2021 11:47

"Kann ich Dich mal anfassen?" - Mitten aus dem Leben

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Ich bin eine von vielen. Eine Mutter von zwei Kindern, zurzeit in Elternzeit, die nebenberuflich noch ein bisschen jobbt. Am Computer, nicht in der Praxis, damit sich der Spagat zwischen Job und Kindern vereinbaren lässt.

Wie viele von uns stimmt auch mich die Corona-Pandemie nachdenklich: Bekommen wir das Virus irgendwann in den Griff? Wie wird unser Leben danach aussehen? Gibt es Aussicht auf eine Rückkehr zum „normalen“ Leben, wie wir es kennen?

Eine „neue Realität“ – digital auf Abstand
Mein Sohn (6 Jahre) sagte neulich zu mir:

„Mama, da vorne ist die Bundeskanzlerin“. „Nein, mein Schatz. Das ist Oma. Mit Maske.“

Im ersten Moment musste ich lachen. Immerhin kennt er die Bundeskanzlerin. Andererseits bleibt ein komisches Gefühl. Menschen mit Masken und auf Abstand zu begegnen ist mittlerweile genauso normal wie Videogespräche mit Freunden und Familienmitgliedern.

Da die Großeltern meines Sohnes in Südafrika wohnen, haben wir seit jeher nur auf diesem Wege miteinander Kontakt. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als mein Kind seine Großeltern das erste Mal live und in Farbe gesehen hat.
„Kann man euch anfassen?“, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Es war damals ein aufregender, skurriler Moment. Mittlerweile gehört das zur neuen Normalität. Nun ja — zumindest haben wir gerade keine andere Wahl.

Digitale Medien im Alltag?
Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig die Digitalisierung für uns ist. Und an welcher Stelle wir aufrüsten müssen.
Auch unser Alltag läuft gerade hauptsächlich medienbestimmt ab: Online-Shopping statt Schaufensterbummel, Homeschooling durch Videokonferenzen, virtuelle Klassenzimmer, Lern-Apps, YouTube Videos, ja sogar das Fußball-Training ist inzwischen digital geplant.

Es ist also ein schlechter Moment, um kritisch auf digitale Medien zu schauen und doch muss ich immer wieder ungläubig den Kopf schütteln. Wo soll das noch hinführen? Es ist doch kurios: Das Schulthema der Woche meines Sohnes sind unsere Sinnesorgane. Wir reden zu Hause darüber, wie wir unsere Welt durch unsere sinnlichen (und physischen) Möglichkeiten erleben und mir wird klar, wie wenig unser sinnliches Repertoire gerade „berührt“ wird.

„Darf ich dich anfassen?“, ist derzeit ein geläufiger Satz, wenn man Menschen trifft, die man eigentlich gerne mit einer Umarmung, anstatt des lieblosen Corona-Grußes, begrüßen möchte. Keine Kuschelhormone, stattdessen trifft man auf Corona-Masken und allenfalls einen harten Ellenbogen.

In tiefgründigen Momenten frage ich mich dann: Was berührt uns heute überhaupt noch?

Zurück zur Medienwelt
Was mir privat manchmal zu viel vorkommt, fehlt mir dafür im Beruf.
Ich freue mich, von Praxen zu lesen, die sich der Situation insofern angepasst haben, als sie die Videotherapie in den Behandlungsalltag integriert haben. Ich hoffe, die Möglichkeit wird auch dann noch bestehen, wenn ich wieder in den Beruf einsteigen werde.

Ich wünsche mir mehr Neugier was digitale Lösungen und Apps angeht, die uns im Praxisalltag begleiten. Ich bin froh, hin und wieder mit Praxisinhabern wie Christoph Kaminski Kontakt zu haben, die die Digitalisierung schon "leben".

In dem Zusammenhang erinnere ich mich an ein Gespräch zu meinem letzten Artikel Digitalisierung durch Corona mit meinem damaligen Hochschuldozenten Ferdinand Bergamo, der dazu folgendes sagte:

„Videotherapie, Apps, das gibt es alles schon lange. Der Markt hat gerade im diagnostischen Bereich der Physiotherapie einiges zu bieten. Man denke nur mal an schlichte Haltungs- und Bewegungsanalysen, die per Smartphone ganz leicht aufgezeichnet werden können. […] Apps kosten mittlerweile auch nicht mehr viel, aber werden noch zu selten benutzt.
Viele Studien besagen, dass der Fachkräftemangel ansteigt. Irgendwann sind wir zwangsläufig auf telemedizinische, digitale Anwendungen angewiesen.
Aber dem gegenüber steht die Angst der Therapeuten, dass die eigene Kompetenz wegfällt. Und Therapeuten müssten zusätzlich ganz anders ausgebildet werden – doch so weit sind wir nicht. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. Aber wir müssen dringend damit anfangen!“

Probieren geht über Studieren
Ich weiß, man hat oft nicht die Zeit und Lust, sich nach Feierabend noch mit beruflichen Themen auseinanderzusetzen. Ich habe gerade beides; und zufälligerweise einen Patienten – meinen Lebensgefährten – zu Hause, der dringenden Therapiebedarf hat.
Es macht Spaß, sich zur Abwechslung mal wieder voll und ganz auf einen Patienten einzulassen und ich habe angefangen, einige therapeutische Apps auszuprobieren, die für Android Geräte kostenlos zur Verfügung stehen.

Ich werde jetzt keine Empfehlung aussprechen, denn das wäre einen eigenen Beitrag wert. Nur soviel: Es lohnt sich, mal die Fühler danach auszustrecken. Mittlerweile gibt es sehr gut entwickelte und leicht zu bedienende Apps, die gar nicht so teuer sind aber für etwas Abwechslung, Spaß und Motivation in der Therapie sorgen. Die meisten Apps kommen nicht aus Deutschland und sind deswegen in der englischen Sprache verfasst. Mich stört das nicht, solange die Qualität stimmt.

Ich für meinen Teil habe Gefallen an der App Apecs gefunden, die für Android-Geräte ausreichend entwickelt ist. Hier sind Haltungs- und Bewegungsanalysen möglich. Wenn man den Dreh einmal raushat, geht die Analyse sehr schnell per Foto auf dem Smartphone. Die App gibt zusätzlich Übungsvorschläge, und eine Auswertung der Ergebnisse. Als das Behandlungsergebnis nach einigen Wochen wirklich sichtbar wurde, stand für mich fest: Diese Art von App gehört auf jeden Fall in meinen persönlichen Werkzeugkasten.

Hoffnung auf Normalität
Die heutigen Zustände lassen sich beim Gedanken an das höhere Wohl aushalten. Ich versuche, die Situation entspannt und positiv zu sehen – „wer weiß, wofür es gut ist“, hat Oma gesagt.

In meinem Kopf ist eine endlos lange Liste mit Dingen, die ich gerne wieder machen möchte, wenn "alles mal vorbei ist", beruflich sowie privat. In der Zwischenzeit besinne ich mich wieder auf die kleinen Dinge im Leben, die das Herz berühren: Spaziergänge in der Natur, gute Gespräche mit der Familie oder mentales Stoßlüften, wenn alle im Bett sind.

In diesem Sinne bleibt gesund und fröhlich!

 

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Jasmin Clegg

Jasmin Clegg hat ihre Ausbildung als Physiotherapeutin 2009 an der Hogeschool Zuyd in Heerlen (NL) beendet.

Aus beruflichem und privatem Interesse hat sie zwischenzeitlich für zweieinhalb Jahre in Südafrika gelebt. Heute ist sie wieder in Deutschland und arbeitet in einer Physiotherapie-Praxis im Kölner Norden.

Nebenbei doziert sie an der Hochschule Fresenius und arbeitet freiberuflich als Journalistin. Seit 2017 schaukelt sie den mobiLEOS Physio-Blog und hat daher immer viel zu tun.

Kontakt: clegg@mobileos.de

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