Freitag, 05 August 2016 09:30

Therapie­freiheit durch Blankorezept

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Therapie­freiheit durch Blankorezept wavebreakmedia / shutterstock

Zum 30. Juni 2016 endete ein Modellvorhaben über die Einführung der "Blankoverordnung" in der Physiotherapie. Jetzt liegen erste Ergebnisse vor.

Derzeit befindet sich alles im Umbruch. Die breite Masse der Physiotherapeuten fordert mehr Autonomie. Vieles spricht dafür, aber nicht alle Akteure des deutschen Gesundheitswesens stehen dieser Forderung aufgeschlossen gegenüber. Ärzte, Krankenkassen, Physiotherapeuten, Politiker; sie alle diskutieren über das Wohlergehen des Patienten.

In einem ersten Zwischenschritt zur Erprobung des Direktzugangs in der Physiotherapie führte der IKK Brandenburg und Berlin (IKK BB) zusammen mit dem Verband Physikalische Therapie (VPT) und der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin einen Modellversuch durch. Man wollte damit der Frage nachgehen, ob die Wirtschaftlichkeit und Qualität der physiotherapeutischen Behandlung durch veränderte Bedingungen, nämlich durch ein sogenanntes „Blankorezept“ vom Arzt, verbessert werden kann.

Das Modellvorhaben lief seit 2011 und wurde zum 30. Juni 2016 beendet.

 

"Der Arzt erstellt eine Blankoverordnung, der Physiotherapeut bestimmt die Therapie"
Das Projekt sah vor, dass die Patienten einer Interventionsgruppe durch den Arzt ein Blankorezept verordnet bekamen.

Der behandelnde Physiotherapeut musste sich nach eigenem, ausführlichen Befund entscheiden, ob er die vorgeschlagenen Maßnahmen des Arztes verfolgen wird, oder davon abweicht. In letzterem Fall war er berechtigt, über eine alternative Art, Frequenz und Dauer der physiotherapeutischen Behandlung selber zu entscheiden.

Der Interventionsgruppe wurde eine Kontrollgruppe gegenüber gestellt, dessen Teilnehmer ebenfalls durch einen Physiotherapeuten, aber wie im herkömmlichen System mittels Vollverordnung, behandelt wurden.

Um als Physiotherapeut an dem Modellprojekt teilzunehmen, musste eine gültige Berufszulassung vorliegen und der Therapeut sollte auch über genügend Berufserfahrung und Fortbildungen verfügen. 

 

"Mit dem Modellvorhaben wurden verschiedene Ziele verfolgt"
Im Vordergrund stand die Zufriedenheit und Nachhaltigkeit der Therapie.

Konkret wollte man wissen, ...

  • ob die Physiotherapeuten bei der Blankoverordnung andere Therapien als bei der Vollverordnung anwenden würden
  • ob die Häufigkeit und Dauer der Therapie von der empfohlenen Maßnahme des Arztes nach oben/unten abweichen würde
  • ob der Behandlungserfolg mit einer Blankoverordnung größer ist
  • ob die Patientenzufriedenheit höher/geringer ist
  • ob die Blankoverordnung mit einer wirtschaftlichen Versorgung (bessere Kosten/Nutzen Relation) einhergeht

 

"Blankoverordnung führt zu höherer Patientenzufriedenheit" 
Die ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Patienten der Interventionsgruppe deutlich zufriedener mit der Behandlung und dem gesamten Versorgungsprozess sind. Die Art der Versorgung durch ein Blankorezept wurde generell befürwortet.

Die Patienten sollten zum Beispiel in Bezug auf Schmerzen in Ruhe und Bewegung angeben, wie sich die Einschränkung der eigenen Beweglichkeit, die Muskelschwäche, die physische Verfassung, die Bewegung in der Wohnung beziehungsweise das Verlassen
der Wohnung, die ADL's, die Berufstätigkeit und der persönliche Gesundheitszustand verbessert hat. Die Interventionsgruppe wies in allen Fragen zur Therapieverbesserung eine deutlich höhere Punktzahl auf, als die Kontrollgruppe.

Zum aktuellen Zeitpunkt kann man davon ausgehen, dass Physiotherapeuten sich die Befundung, Dokumentation und Heilmittelauswahl durchaus zutrauen.

Aussagen zur verbundenen Kostenentwicklung und Einsparung wurden bisher noch nicht gemacht. Die abschließenden Ergebnisse sollen voraussichtlich Ende September 2016 vorliegen.

Wir sind gespannt!

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Jasmin Clegg

Jasmin Clegg hat ihre Ausbildung als Physiotherapeutin 2009 an der Hogeschool Zuyd in Heerlen (NL) beendet.

Aus beruflichem und privatem Interesse hat sie zwischenzeitlich für zweieinhalb Jahre in Südafrika gelebt. Heute ist sie wieder in Deutschland und arbeitet in einer Physiotherapie-Praxis im Kölner Norden.

Nebenbei doziert sie an der Hochschule Fresenius und arbeitet freiberuflich als Journalistin. Seit 2017 schaukelt sie den mobiLEOS Physio-Blog und hat daher immer viel zu tun.

Kontakt: clegg@mobileos.de

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1 Kommentar

  • Kommentar-Link Petra Hauke Montag, 20 März 2017 08:16 gepostet von Petra Hauke

    Hallo Zusammen,

    ich wäre absolut dafür das es den Direktzugang zur Pysiotherapie gibt. Denn ein Pysiotherapeut ist am nächsten am Patienten, er kann das am allerbesten beurteilen. Ich hatte im Jahre 2008 einen Betriebsunfall, hatte leider den falschen Arzt er stellte eine Fehldiagnose, Mein Fuß wurde dann erst 2010 und 2011 drei mal operiert. Nun liegt eine massive Nervenstörung vor kann nicht mehr abrollen und seit ca. 2-3 Monaten kann ich meine Zehen nicht mehr bewegen. Der Neurologe stellt nun fest das nun auch noch eine Lämung der Zehenheber vorliegt er verordnet dauerhafte manuelle Therapie an, und Doch meine Krankenkasse will die Kosten nicht übernehmen. Es ging jetzt vor Gericht und wurde abgeschmettert, da meine Beschwerden nicht in dem Schmerzkatalog für Dauerbehandlung steht. Mein Hausarzt darf mir nur 6 x im Quartal Therapie aufschreiben.

    Ich verstehe das ganze Gesundheitssystem langsam nicht mehr. Kann jetzt Gott sei Dank noch 5 Stunden anstatt 8 arbeiten gehen, aber wer weiß noch wie lange, da mein Knie auch langsam Probleme macht. Es ist abzusehen das ich langfristig gar nicht mehr arbeiten kann und das mit 53 Jahre. Dann sind die Kosten noch höher. Man spart an der falschen Stelle

    Ich hoffe ich darf es noch erleben, das dieses Gesetz nun rechtskräftig wird.

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